Wikimedia, der Verein zu Wikipedia, sieht sich in DE seit längerem der Kritik ausgesetzt. Weil es in der Debatte auch um Partizipation geht und weil zuletzt im Raum stand, Wikipedia zu „forken“, schreibe ich nun auch mal etwas dazu.
Relevanz-Kriterien
Im Kern geht es um die Lösch-Praxis der Wikipedia-admins nach bestimmten „Relevanz-Kritieren“ – und den Umgang mit der Kritik daran. Dabei ging es beispielsweise um die Begriffe „MOGIS“, die Vereinigung “Missbrauchsopfer gegen Internetsperren”, oder „Tschunk“, ein Cocktail mit Club-Mate und Rum.
“Primer” dazu und Geschichte der Wikipedia.
Von “Demokratie” steht tatsächlich nichts in den Prinzipien von Wikipedia, auch wenn viel für mehr Partizipation spricht. Die Diskussion hat sich zunächst zugespitzt auf die Frage, ob die Relevanzkritierien sinnvoll sind oder nicht. Der eine oder andere hat sich explizit dagegen ausgesprochen. Der eine oder andere ist dafür.
Diskussion am 5. November
Am 5. November fand eine Veranstaltung mit den Wikipedia-Mitarbeitern Leon Weber und Martin Zeise einerseits, sowie den Bloggern Johnny Haeusler und Pavel Mayer andererseits statt.
Berichte dazu gibt es auf netzpolitik und Telepolis, und auch das eine oder andere Printmedium hat berichtet. Unter den Berichten von Teilnehmenden zitiere ich stellvertretend Pavel Mayer einerseits und von Johnny Häusler andererseits, der weiterverlinkt. Die Diskussion darüber reißt aber nicht ab.
Wie geht es weiter?
Einige wollen jetzt das Projekt „forken“ und suchen nach bereits einer Alternative zu Wikipedia. Anne Roth hat bereits Parallelen zwischen der Entwicklung von Indymedia und der von Wikipedia in Deutschland gezogen.
Ich stelle fest, dass die Wikipedia-Begeisterung der ersten Jahre nachgelassen hat. Wikipedia ist längst „etabliert“. Das ist einerseits schade. Viele Artikel sind komplexer geworden. Aber andererseits ist Wikipedia dafür auch qualitativ besser geworden, und besser gegen Fehler gewappnet. Das ist noch nicht das Problem…
Ich habe keine Zahlen, aber ich vermute, dass die Zahl der passiven Leserschaft umgekehrt proportional zur aktiven Schreiberschaft gestiegen sein dürfte. Das wäre in der Tat ein Problem. Stattdessen gibt es Mitarbeiter, denen ich guten Willen, Qualifikation und Fleiß gar nicht abspreche. Sie können jedoch die Vielzahl ehrenamtlicher Schreiber nicht ersetzen. Hier muss der Verein immer wieder aufpassen, dass seine Quellen nicht versiegen.
Löschdebatten sind dafür natürlich Gift. Ich habe froher selbst häufig Artikel auf Wikipedia angelegt. Die meisten, wie dieser hier, sind meines Wissens geblieben. Aber für mich ist keine Frage, ob es Relevanzkritieren braucht.
Das “Neue” an Wikipedia
Ohne die Kriterien (dafür werben die „Exkludisten“) wäre Wikipedia nicht viel mehr als eine digitale Pinnwand. Aber ich gebe den Kritikerinnen und Kritikern zu, dass sie ohne Partizipation (dafür werben die „Inkludisten“) nur ein weiteres Lexikon im Netz wäre. Ich kann auf die Pinnwand genauso verzichten, wie auf ein weiteres Lexikon. Aber die Mischung aus beidem zeichnet für mich die Wikipedia aus. Das ist das eigentlich “Neue” gewesen.
Strukturen sind kein Selbstzweck
Für mich ist daher die entscheidende Frage, wie die Kriterien aussehen, ob sie überprüft werden und vor allem: Was sie produzieren. Ohne Strukturen wird man keine Vorschläge für Kriterien bekommen. Aber die Verselbständigung formaler Strukturen ist ein bekanntes Problem aller Organisationen.
Wikipedia rühmt sich offener Strukturen, aber das wird – wie die Diskussion gezeigt hat – nicht reichen. Viele Wikipedia-Leser – mich eingeschlossen – interessieren sich eigentlich nicht so sehr für Strukturen, sondern für das, was sie produzieren – und dabei wollen sie mitreden.
Die Aufgabenerfüllung durch die Struktur muss kontrollierbar bleiben und sie muss Fehlentwicklungen entgegensteuern können. Dafür braucht man aber die aktiven Schreiber noch viel mehr als die passiven Leser! Um es klar zu sagen: Hier muss alles getan werden, damit Wikipedia „offen“ und interessant bleibt!
So viel Offenheit wie möglich und so viel Kontrolle wie gerade nötig. Nur so wird Wikipedia auch in Zukunft werden, was sie mal war. Der Erfolg von Wikipedia kann sich IMHO nicht nur an der passiven Leserschaft am Erfolg der Auflage bemessen, sondern auch an der aktiven Schreiberschaft – das ist eben anders als bei Büchern.
Lustig finde ich, dass allein die Debatte um „Tschunk“ und „MOGIS“ die beiden Begriffen schon zu viel mehr Bekanntheit verholfen haben, als sie jemals bei Wikipedia bekommen hätten. Und nun werden sie viele vergeblich bei Wikipedia suchen.
Gut finde ich, das es schon jetzt viele interessante Vorschläge für die Zukunft von Wikipedia gibt. Die Wikipedianer sollten sie ernsthaft prüfen. Und auch die Inkludisten sollten Wikipedia dabei noch einmal eine Chance geben.
Damit diese Debatte nicht umsonst war.
Update 9.11.: Ich stiess auf silicon noch auf ein Interview mit Jimmy Wales. Er beabsichtigt offenbar, den Pool der Mitarbeiter an der Enzyklopädie auszuweiten. Dagegen spricht erst mal nichts. Ich hoffe aber sehr, dass man die die Möglichkeit der “Fremdschreibe” darüber nicht komplett vergessen wird.
Update 23.11.: Wie das Wall Street Journal unter Berufung auf den Wikipedia-Experten Felipe Gonzales berichtet, verliert Wikipedia ehrenamtliche Mitarbeiter. Zwischen Januar und März 2008 waren es 4.900, ein Jahr später bereits 49.000 Personen weniger. Insgesamt verfügt Wikipedia jedoch über mehr als 3 Mio. Autorinnen und Autoren.
Lesenswerte Links:
“Schwarmintelligenz & Wikipedia“
“How do you reform a horizontal organization?” (english)
“Neue und schnellgelöschte Artikel in der Wikipedia“
Summary: On november 5, there was a discussion at wikimedia germany on wikipedia’s notability guidelines. After a series of controversial deletions by the encyclopedia’s admins, there are some bloggers („exclusionists“) who do support this and others („inklusionists“) who don’t. Some people do even call for breaking the encyclopedia’s monopol by forking it.














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